Weidmannssprache im Wandel

Die Sprache der Jäger bewahrt viele, ehemals in den deutschen Dialekten und Mundarten beheimateten Begriffe und Wendungen vor dem vergessen. Vom Mittelalter an wurden sie teils in ihrer ursprünglichen Form und mit demselben Bedeutungsinhalt, teils mit anderem Sinngehalt in den jägersprachlichen Wortschatz übernommen. Zu verstehen ist darunter der Teil der Jägersprache, der das Wild und sein Verhalten betrifft und sich unabhängig von der als so genannte Standessprache der Berufsjägerei entwickelte, zum Beispiel Tier, Tritt, Zeichen, wechseln, Treiben.

Die meisten Begriffe, die in den geschichtlichen Perioden die Jagdtechnik charakterisieren bzw. mit ihr in Verbindung standen, sind zeitgebunden. Von Ausnahmen abgesehen, gehören sie nicht zum lebenden jagdlichen Vokabular, haben ihren Platz im Lexikon der Jagd. Als Beispiel sei die Lappjagd genannt, die heute so gut wie nicht mehr ausgeübt wird. Der weidmännische Wortschatz erinnert an die Zeit der eingestellten Jagen: Mit Lappen oder Blendzeug wurde der zu bejagende Revierteil verlappt oder gerichtet. Die Lappen gehören zum lichten oder hellen Zeug und einschließlich der Haspel und den Stellstangen zum Jagdzeug oder Zeug.

Gegenüber der Fachsprache, die mit der sich entwickelnden Jagdtechnik wuchs und mit ihr wandelte, blieb der von der technischen Entwicklung unabhängige Teil der Jägersprache, der standes- oder zunftsprachliche Wortschatz, im Wesentlichen von einem Wechsel der Ausdrücke unberührt, er wurde lediglich vervollkommnet und in seiner Bedeutung auf bestimmte Wildarten und ihr Verhalten eingeengt der Fuchs rollt, die Luchsin begehrt, die Enten reihen, der Ringeltauber ruckst, der Hohltauber heult. Der umfangreiche zeitlose Wortschatz zur differenzierten Bezeichnung der Verhaltensäußerungen und Verhaltensabläufe der Wildarten allgemein und in Beziehung zu Jagd und Jäger erhält die Sprache am Leben, wenn sie gepflegt und beim Sprechen aus ihrem ganzen Reichtum geschöpft werden kann. Denn je mehr Wissen mit einer Sache verbunden ist, desto schöner ist der Umgang mit ihr. Was den Reichtum der Jägersprache ausmacht, darauf soll anhand von Beispielen aufmerksam gemacht werden.

Erst fegen, dann schlagen Das vollständig vereckte, vom Bast umgebene Geweih bzw. Gehörn fegt der Hirsch bzw. der Bock an Bäumen und Sträuchern blank. Der abgefegte Bast heißt Gefege. Beide Ausdrücke kannte die Jägersprache bis in die frühe Neuzeit nicht. Die alte Jägerei nannte Bast entfernen v(f)ürben in der Bedeutung von reinigen, säubern, putzen, und den abgefegten Geweihbast wie die von Rinde freigeschlagenen Stellen an Bäumen und Sträuchern Geschläge. Nachdem im späten Frühneuhochdeutschen das ausdrucksstärkere fegen für ,,schön- und saubermachen und ,,rein- oder schönreiben“ bekannt wurde, ging das alte ober- und mitteldeutsche v(f)ürben der Jägersprache verloren. Dagegen gilt schlagen für das Scheuern Geweihs in der Brunftzeit und danach an Bäumen und Sträuchern aus Übermut oder Unwillen vom Mittelalter an bis heute im unveränderten Sinn. Schlagen drückt eine Verwundung aus. Abgeschwächt wurde schlagen zu verwunden und in dieser Bedeutung Jägerwort. „…denn er (der Hirsch) schlägt häufig auch nachdem er gefürbet hat. Das ist gar ein gutes Zeichen und heißt Geschlagen“, vermerkt die alte Lehre von den Zeichen des Hirsches. Zuerst fegt also der Hirsch sein Geweih blank, dann schlägt er mit seinem Geweih Bäume und Sträucher wund.

Auswechseln, ausschieben…Für die Bewegungsabläufe des Schalenwildes besitzt die Weidmannssprache ein umfangreiches Vokabular, das zumeist seinen Ausgang vom Rotwild nahm. Das ruhende Schalenwild wird aus dem Bett hoch, erhebt sich, steht auf oder tut sich auf und zieht auf dem Wechsel fort, durchzieht seinen Einstand, zieht aus, wenn es vom Holz ins Freie wechselt, zieht ein, wenn es den Einstand aufsucht. Folgt ein Stück dem anderen, so zieht oder wechselt es nach. Vertraut trollt es auf dem Wechsel zur Äsung, verhofft oder stutzt im Troll, trollt fort oder weiter und tritt zur Äsung aus. Ungestört zieht der alte Hirsch besonders langsam. Er schreitet und streift dabei Äste im Unterholz, er streift an. Dort wo das Wild auswechselt, ist der Auswechsel, wo es einzieht, zurück- oder ein wechselt, der Rück- oder Einwechsel. Vom Jäger los oder rege gemachtes Wild geht ab, springt ab, flüchtet, ist flüchtig, geht flüchtig oder hochflüchtig ab, geht in hohen Fluchten ab, bricht los oder fort. Beim niedrigläufigen Schwarzwild haben sich zum Teil andere Begriffe für die Bewegungsabläufe eingebürgert. Sauen schieben sich in die Dickung, kesseln sich ein, brechen sich einen Kessel schieben sich in den Kessel ein und stecken dann in der Dickung. Verlässt eine Rotte Sauen den Kessel vertraut, schiebt sie sich aus, flüchtig, fährt sie aus und bricht aus der Dickung. Die einzelne Sau bricht sich ein Lager, bricht sich ein und schlägt oder schiebt sich danach ein. Im Treiben wird das Schalenwild von den Treibern hochgemacht, es bricht los und springt die vorgestellten Schützen an. Schwarzwild bricht aus und läuft die Schützen an. Flüchtet Schalenwild rückwärts durch die Treiber, dann bricht es aus. Schwarzwild bricht immer aus ob voran zur Schützenlinie oder durch die Treiber und läuft die vorgestellten Schützen an. Kommt der Jäger schlecht ab, dann fehlt der Jäger das Stück oder schweißt bzw. färbt es an, oder er schießt es krank. Niederwild jagen die Treiber auf. Trifft es der Jäger schlecht, dann schießt er z. B. den Hasen nicht krank, er schießt ihn an.

Äsung und Fraß Mit dem Äser oder Geäse (alte Form, die nur noch im Süddeutschen gebräuchlich ist) nimmt alles Haarwild ausgenommen Schwarzwild und Raubwild, die Äsung oder das Geäse (doppelter Sinn) auf: es äst. Zum Abäsen der Pflanzen sagt man auch abbeißen. Der Teil, der vom Wild abgebissen wird, ist der Abbiss. Gehölze verbeißt es, d. h. beißt die jungen Triebe ab (verin der Bedeutung beschädigen). Äsen geht zurück auf germanisches aas, das als Bildung zu essen. ursprünglich Speise bedeutete. Schwarzwild nimmt mit dem Gebrech und Raubwild mit dem Fang Fraf auf. Fraß, eine Ableitung von fressen, wurde in mittel hochdeutscher Zeit allgemein auf Tiere eingeengt und weidmännisch weiter differenziert, auf das gierige Fressen von Schwarzwild und Raubwild.

Inselt, Unschlitt, Feist, Weiß Mit Inselt und Unschlitt wird das innere Fett des Wildes bezeichnet. Die Form Inselt ist mitteldeutschen Ursprungs, Unschlitt die süddeutsche Entsprechung (mit land. schaftlichen Synonymen). Jägersprachlich gleichbedeutend ist niederdeutsches Talg. Talg gilt aber auch für das ausgelassene und wieder festgewordene innere Fett. Das dem Wildbret aufliegende Fett heißt jägersprachlich beim Schalenwild Feist, ausgenommen beim Schwarzwild, das unter der Schwarte und im Inneren Weiß hat. Beim Niederwild und Raub wild ist Fett der jagdliche Ausdruck, bei Murmel und Dachs auch Schmalz und beim Dachs ebenfalls Weiß.

Auf den Ball schießen Das Fortschreiben alter Jägerworte und Wendungen in unsere Zeit hat dazu geführt, dass in der neuhochdeutschen Entsprechung ihr ursprünglicher Bedeutungsgehalt heute fremd anmutet, da die Begriffe in der Gemeinsprache ausgestorben sind, nur mundartlich noch gepflegt werden. So lässt sich erklären, dass eine Reihe von  alten standessprachlichen Jägerworten zwar noch in Wörterbüchern zu finden sind, in der jagdlichen Umgangssprache aber lediglich als Worthülsen unverstanden weiterleben. Benutzt zum Beispiel ein Hundeführer den Begriff Ball zur Schilderung einer dramatischen Jagd Szene in der Wendung ,,Ich habe auf den Ball geschossen, werden sich junge Jäger verständnislos anschauen. Das Wort Ball mit den Lautformen Beil, Bail und Boll ist eine Ableitung zu bellen und nahm als spätmittelhochdeutsches bal die Bedeutung von ,,Gekläff an. Der Gemeinsprache ging diese Bedeutung verloren. In der Weidmannssprache hielt sich der Begriff als besonderer Ausdruck für das Verbellen einer gestellten Sau bis heute. Bedrängen die gestellten Sauen die Finder so stark, das sie aufhören, Laut zu geben, dann brechen die Sauen den Ball. Das Schießen auf das vom Hund gestellte Stück Schwarzwild nennt man deshalb ,,auf den Ball schießen“.

Eingebunden, nicht aufgesetzt Die Beispiele machen es sichtbar: Die ausdrucksstarken, bildhaften Bezeichnungen, die die Wildarten und ihr Verhalten differenziert charakterisieren, verleihen der Jägersprache den Reiz des Besonderen. Der besteht aber nicht darin, im Kreis der Jäger den Gebrauch als Dogma auf zufassen, bei jeder Unterhaltung so viel wie möglich Jägerworte einzubringen, gewissermaßen nach Worten zu kramen und daneben zu greifen. Die Jägersprache pflegen heißt, ohne ihr Gewalt anzutun, sie ,,passend“ in die Umgangssprache einbinden, dann bleibt sie lebendig, wirkt nicht aufgesetzt.


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